Die Gäubahn nicht abhängen

Zweigleisiger Ausbau bei Horb könnte 2023 fertig sein - Videokonferenz mit GRÜNEN Abgeordneten Matthias Gastel und Dorothea Wehinger

Matthias Gastel ist der bahnpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag. Zusammen mit Angelika Störk vom Kreisverband der Grünen Tuttlingen und der Landtagsabgeordneten Dorothea Wehinger aus Singen diskutierte er am Dienstagabend in einer öffentlichen Videokonferenz über die Gäubahn-Probleme.
 

MdL Dorothea Wehinger und MdB Matthias Gastel am Singener Bahnhof

Im Mittelpunkt standen neben dem längst überfälligen zweigleisigen Ausbau auf mehreren Abschnitten südlich von Horb entlang der wichtigen Nord-Süd-Verbindung auch die Planungen, die Gäubahn nach 2025 für einige Jahre nicht mehr zum Hauptbahnhof zu führen, sondern bereits in Stuttgart-Vaihingen enden zu lassen. Vaihingen soll nach dem Willen der Stuttgart 21-Befürworter so lange Endstation bleiben, bis die Führung über den Flughafen in den Jahren nach 2028 fertig gestellt ist. Um die Unterbrechung einer direkten Erreichbarkeit des Hauptbahnhofes zu verhindern, haben die Grünen in einer Resolution gefordert, die sogenannte Panoramastrecke zum Hauptbahnhof zu erhalten.

Matthias Gastel berichtete, in Berlin habe man gezögert in Sachen zweigleisigem Ausbau. „Dem Land wurde es dann zu blöd, es wurde eine eigene Machbarkeitsstudie gemacht, obwohl es nicht dafür zuständig ist." Immerhin: Zwischen Horb und Neckarhausen könnte es losgehen, „die Bagger könnten anrollen", dann wäre hier die Ausweichstrecke für entgegenkommende Züge 2023 fertig. Für die beiden weiteren Ausweichstellen zwischen Rottweil und Neufra und zwischen Spaichingen und Wurmlingen "haben noch nicht einmal die Planungen begonnen", so Gastel.

Eine weitere Hängepartie ist die Neigetechnik: Die liegt den Plänen des Bundes zugrunde, die Bahn wiederum will diese Züge nicht. Gastel ging außerdem auf den Bahnhof Singen ein, wo man gerne die Güterzüge aus der Stadt heraushaben möchte. Auch hier gehe es nicht voran: "Gut, dass die Grünen hier gemeinsam mit den Kommunen aktiv geworden sind."

Eines der größten Probleme ist aber tatsächlich die Umleitung der Gäubahn: Wenn sie ab 2025 nicht mehr zum Hauptbahnhof fährt, muss, wer einen Anschlusszug erreichen will, in Vaihingen aussteigen und die S-Bahn nehmen, die täglich von 40.000 Leuten genutzt wird; dann kämen noch 8.000 Gäubahn-Nutzer dazu. "Sehr viele Anschlüsse werden dann nicht mehr erreicht, darunter der letzte abends", weiß der grüne Fachmann.

Die Planungen müssten so gemacht werden, dass die Unterbrechung nur wenige Wochen anhält. "Das ist technisch machbar. Wir haben in Stuttgart Fahrverbote, es kann nicht sein, dass man die Leute zum Umsteigen aufs Auto zwingt, weil sie die Bahn nicht mehr nutzen können."

Die Singener Landtagsabgeordnete Dorothea Wehinger nutzt regelmäßig die Bahn nach Stuttgart, und hat dabei viel Zeit, das schöne Neckartal zu bewundern, „es gibt kein WLAN und auch keinen Empfang auf der Strecke." Sie erinnerte an den Vertrag von Lugano von 1996, in dem sich Deutschland verpflichtet, die Fahrt von Zürich nach Stuttgart auf zweieinviertel Stunden zu reduzieren. „Die Schweiz hat ihre Hausaufgaben gemacht, Deutschland nicht." Auch für den Güterverkehr sei die Strecke enorm wichtig, das habe man im letzten Jahr gemerkt, als die Rheintal-Bahnstrecke nach dem Unfall bei Rastatt gesperrt war und die Gäubahn zur Ausweichstrecke wurde. Sie gilt neben der Rheintalbahn als zweite wichtige Güterverkehrsstrecke von Nord nach Süd. Und Singen als wichtiger Bahn-Verkehrsknotenpunkt gilt als Tor nach Italien.

Eine weitere Forderung der Grünen: Der mit nur acht Gleisen auf Kante genähte zukünftige Hauptbahnhof in Stuttgart soll durch einen Ergänzungsbahnhof leistungsfähiger werden. Matthias Gastel ist überzeugt, dass sich die städtebaulichen Interessen der Landeshauptstadt - die das freiwerdende Bahnhofsgelände bebauen will - und die Interessen der Gäubahnanlieger zusammenbringen lassen. „Ein Konsens müsste möglich sein", so Gastel. Immerhin müssten vor einer Bebauung die Böden gereinigt werden, „und die Eidechsen sind auch noch da. Wir müssen die Zeit jetzt nutzen, planerisch ranzugehen. Aus dem Stuttgart 21-Projekt der 1990er-Jahre muss ein zukunftsfähiges Projekt werden, das wachsende Reisendenzahlen stemmen kann."

Seine Forderung: Während des Probebetriebs des Tiefbahnhofs muss es oberirdisch weitergehen. „Der Hauptbahnhof braucht auf Dauer mehr als acht Gleise!" Wolle man die Leute zum Bahnfahren bringen, brauche es eine gute Infrastruktur. Dorothea Wehinger ergänzte dies: „Die Züge sind oft schon ab Singen voll, ab Rottweil ohnehin." Lob kam von Landtagskandidiatin Sonja Rajsp für Gastels Hartnäckigkeit.

Warum die NeiTec-Züge nicht mehr fahren, erläuterte Gastel auf Anfrage gerne: Die Bahn wolle die Technik nicht, habe keine guten Erfahrungen damit gemacht. Und auch die Schweizer wollten sie nicht mehr, dort werden immer mehr Tunnels gebaut, da brauche es keine Neigetechnik, sondern Hochgeschwindigkeitszüge. Daher brauche es auch auf der Gäubahn weniger Kurven. Und: „Wir wollen die Gäubahn über den Flughafen verhindern."

Allerdings seien die Verträge bereits unterschrieben, der politische Wille sei klar für den Flughafen. Es bleibe, so Gastel, die Hoffnung, dass die Planer sagen, es geht nicht. Immerhin haben die Grünen erreicht, dass in Vaihingen ein richtiger, barrierefreier Bahnsteig gebaut wurde, „das ist ein Erfolg grüner Politik", die Bahn habe nur ein Provisorium vorgesehen. „Das ist jetzt die Rettung, dass die Gäubahn nicht schon in Böblingen endet." Gastel setzt auch auf die Gemeinden im Süden von Stuttgart: „Die wollen, dass die Züge in allen Bauphasen für Stuttgart 21 am Hauptbahnhof halten und die Fahrgäste der Gäubahn unterwegs nicht umsteigen müssen."

Text: Moni Marcel

 

Presseberichterstattung:

 

 

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